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Übertriebener Datenschutz schadet der Gesellschaft

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Vor knapp drei Jahren ist die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verbindlich in Kraft getreten. Seitdem hat der Datenschutz seltsame Blüten hervorgebracht, von denen wir heute wissen, dass sie manchmal wenig bringen, aber die Wirtschaft und uns alle unnötig belasten.

So stehen auf der einen Seite Menschen, die in öffentlichen Chats, Tweets und Kommentaren ihr privates Leben vor uns ausbreiten. Sie geben in Bildern und Texten so viel über sich preis, dass sie offenbar kein Bedürfnis nach Privatsphäre oder Anonymität haben. Da werden Fotos der Kinder ins Netz gestellt, Screenshots von Videokonferenzen, Adressen, Telefon-Nummern und vieles mehr.

Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die persönliche Daten brauchen, um ihre Produkte und Leistungen auf den Markt zu bringen oder zum Beispiel Mitarbeiter zu finden. Gerade in der aktuellen Corona-Pandemie, in der die bisherigen Vertriebswege unterbrochen und Läden geschlossen werden, sind andere Kontaktmöglichkeiten zu Kunden enorm wichtig. Doch hier wurde mit der DSGVO den Überlebensversuchen der Betriebe ein Stoppschild in den Weg gestellt: Wer Daten von (potenziellen) Kunden oder Geschäftspartnern erfassen und nutzen möchte, muss sich dafür immer (!) und vorab (!!) und schriftlich (!!!) das Einverständnis einholen und auf die Möglichkeit eines Widerrufs dieses Einverständnisses hinweisen. Was für ein Akt!

Natürlich ist es wichtig, dass Unternehmen Grenzen gesetzt werden, wie weit Sie über meine persönlichen Daten verfügen und diese nutzen dürfen. Aber die Regeln der DSGVO – das wissen wir nach nunmehr drei Jahren – verbauen viele Möglichkeiten für eine erfolgreiches Geschäft und eine stabile Gesellschaft.

Ich will nicht wider den Datenschutz reden, der hat seine Berechtigung. Immer wieder treiben Menschen und unseriöse Firmen Schindluder mit den Daten. Zudem sind manche Mitglieder unserer Gesellschaft gar nicht in der Lage, ihre Daten wissentlich und willentlich selbst zu schützen. Aber Datenschutz ist ein zweischneidiges Schwert: In seiner derzeitigen Ausführung hindert er auch die, die froh wären, wenn Ihnen passende Offerten gemacht würden und so von den Angeboten Dritter (Produkte, Leistungen, Support, Aufträge etc.) profitieren.

Corona: Nachverfolgung vs. Datenschutz

In der aktuellen Pandemie zum Beispiel wäre die Nachverfolgbarkeit der Ansteckungswege ganz wesentlich. Seit Monaten weisen Fachleute darauf hin, dass die Nachverfolgung nicht funktioniert – andere Länder zeigen aber: wenn wir die Nutzung persönlicher Daten in stärkerem Maße erlauben – am besten direkt und digital – wären die Chancen für die Nachverfolgung deutlich höher. Bei uns ist das ein riesiges Problem! Unter anderem deshalb stecken wir auch nach Monaten in hohen Fallzahlen fest, die wiederum zu einem gefühlten Endlos-Lockdown führen. 

Im vergangenen Sommer hatte die Nachverfolgung besser funktioniert. Dafür wurde der Datenschutz erheblich gelockert. In Gaststätten und Cafés, im Kino – überall wurden Besucher-Daten gesammelt. Und das, ohne dass Schlimmes passiert wäre. Ganz im Gegenteil, das Vorgehen war von einem breiten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen, und ich habe danach nicht mehr Spam und Werbesendungen erhalten als vorher. By the way: Wenn die Nachverfolgung auch 2021 funktionieren würde, könnten Restaurants, Kinos und Fitnessstudios wieder öffnen. Das wäre ohne Zweifel von großem gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Nutzen!

Fachkräftemangel könnte besser gelöst werden

Ein Vertriebsmitarbeiter drückte mir zu Beginn der DGSVO-Zeit seine Visitenkarte in die Hand und sagte: „Ich weiß gar nicht, ob ich die Ihnen geben darf oder ob ich erst Ihre schriftliche Erlaubnis haben muss“. Diese Hysterie hat sich mittlerweile gelegt. Wer im Vertrieb arbeitet, muss Kontakte aufbauen und halten. Natürlich will er meine Kontaktdaten speichern und natürlich will er auch, dass ich seine Kontaktdaten speichere. Das ist für beide Seiten von Vorteil. Der potenzielle Lieferant kann in einem seriösen geschäftlichen Miteinander eventuell meine kommenden Probleme lösen. Das sind doch Selbstverständlichkeiten, denen die Angst vor Datenspeicherung, der Umfang der Datenschutz-Vorschriften und die Höhe der immer wieder angedrohten Strafen bei möglicher Missachtung entgegenstehen.

Dabei macht das in diesem Umfang keinen rechten Sinn. Fast jeder von uns ist mit Adresse und Nummer im Telefonbuch zu finden. Fast jeder hat schon einmal online bestellt und dafür zahlreiche persönliche Daten freigegeben. Fast jeder ist in Vereinen oder Verbänden organisiert, hat eine eigene Website oder ein Profil bei Facebook, Xing oder LinkedIn – häufig mit Fotos, Kontaktdaten und privaten Beiträgen. Schadet uns das?

Noch komplizierter erscheint mir die Zustimmung zur Verwendung von Cookies auf Websites, die ich immer wieder neu bestätigen muss, was ich als extrem hinderlich empfinde. Viel einfacher ist es doch, sie zuzulassen und bei Bedarf später alle wieder zu löschen. Das ist im Browser meist mit einem Mausklick erledigt. Die Cookies selber sind nur ein Teil des Problems. Viel wichtiger erscheint mir die neue Form medialer Erziehung und Bildung. Die User müssen verstehen, was sie eigentlich von sich preisgeben – ob wichtig oder unwichtig, soll jeder für sich entscheiden.

Wer dann weiterhin sein Persönlichstes öffentlich machen will, soll das tun. Der Datenschutz verhindert das nicht. Er behindert aber alle, die bereitwillig und seriös und vor allem unkompliziert miteinander Kontakt aufnehmen wollen. Unternehmen zum Beispiel, die dringend qualifizierte Arbeitnehmer suchen (das ist in fast allen Brachen der Fall), oder Beschäftigte, die den Arbeitgeber wechseln und sich weiterentwickeln wollen. Die Angst vor Datenmissbrauch verhindert die eigene Weiterentwicklung und gute Lösungen gegen den Fachkräftemangel. Und das ist dann ein viel größeres Problem!

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